Baarer bringen die Fasnacht nach China

Baarer bringen die Fasnacht nach China Die Belcantos sind Gast am Weltkulturfestival in der Millionenstadt.

Gespielt wird, wenn die Obrigkeit es erlaubt. Wenn am Baarer Fasnachtsumzug 10 000 Menschen zuschauen, dann ist das eine ansehnliche Kulisse. Die Baarer Guggenmusik Belcantos hat in diesen Tagen aber nochmals ganz neue Dimensionen erlebt. Entlang der Schwarzen Strasse in der chinesischen Metropole Schanghai drängten sich gemäss Schätzungen rund zwei Millionen Schaulustige. Zudem wurde die grosse Parade vom chinesischen Staatsfernsehen live übertragen – in rund 200 Millionen Haushalte. Und damit gilt hier, was auf ganz Schanghai zutrifft: Es ist alles ziemlich viel grösser als im Kanton Zug. Die Menschenmassen, die Wolkenkratzer und die Verkehrsstaus. 23 Millionen Menschen leben in Schanghai. In den letzten 20 Jahren sind ganze Quartiere Hochhäusern gewichen, neben denen der Parktower wie ein Spielzeug aussieht. Derzeit ist ein Wolkenkratzer mit über 630 Metern Höhe in Bau. Und das reicht den Schanghaiern nicht. Ein weiterer Turm mit einer Höhe von mehr als 1200 Metern ist in Planung. Kontrollierte Begeisterung Das rasante Wachstum hat aber auch seine Schattenseiten: Die Infrastruktur und vor allem auch die Menschen selbst scheinen mit der Modernisierung nicht Schritt halten zu können. Und nicht zuletzt scheint die chinesische Staatsführung Angst vor dem Boom zu haben. Sie will die Zügel in der Hand behalten und tut dies mit einem grossen Sicherheitsapparat, den die 39 Baarer Guggenmusiker auch zu spüren bekommen. So wurden sie an einem kurzen Umzug am Sonntagabend ständig von rund 20 Polizisten begleitet. An der grossen Parade sorgten Hunderte von Polizisten und Soldaten für kontrollierte Begeisterung. Und bei einem Auftritt in einer Geschäftsstrasse – organisiert unter anderem vom Schweizer Konsulat – galten strikte Regeln: gespielt wird nur dann, wenn die Obrigkeit es erlaubt. Und notfalls muss ein Stück mittendrin abgebrochen werden. Spontane Auftritte sind ganz verboten. Die strikten Regeln ändern aber nichts an der Begeisterungsfähigkeit der Chinesen. Sie lachen, sie winken – und sie knipsen. Jedes Guggenmitglied wurde schon unzählige Male fotografiert. Sobald man geschminkt und verkleidet unterwegs ist, fühlt man sich wie der Affe im Zoo. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Chinesen kaum ein Wort Englisch verstehen. Was sie von der Baarer Fasnachtskultur halten, ist deshalb kaum zu ergründen. Auch nicht nach der Unterhaltung mit einem jungen Schanghaier, der den Autor dieses Textes ganz schüchtern um ein Foto gebeten hat. «I’m your fan», sagte er. «You’re the best.» Aber damit waren seine Englischkenntnisse bereits erschöpft. Festival ist in gefahr Das Kulturfestival ist zwar seit Montag vorbei. Für die Belcantos geht der China-Aufenthalt aber noch bis Freitag weiter – ohne Kostüme und ohne Schminke. Doch schon jetzt lässt sich sagen, dass sich die weite Reise gelohnt hat. Da ist man sich in der Gugge einig, auch wenn ein paar mit dem chinesischen Essen ihre Mühe haben. Es wäre zu wünschen, dass bald wieder eine Zuger Gugge die Fasnachtskultur in China bekannt machen könnte. Die Chancen stünden eigentlich gut. Denn vor zwei Jahren waren schon die Chamer Wäichbächer in Schanghai zu Gast. Doch derzeit sieht es eher danach aus, als wären die Belcantos die letzte Zuger Gugge am Weltkulturfestival. Denn in einem Punkt sind sich Zug und Schanghai sehr ähnlich. Auch in der boomenden Millionenstadt muss gespart werden. Und zuoberst auf der Streichliste steht das Festival.

SIlvAN MEIEr, SchANGhAI
silvan.meier@zugerzeitung.ch

Quelle: http://www.zugerzeitung.ch/nachrichten/zentralschweiz/zug/abo/Baarer-bringen-die-Fasnacht-nach-China;art9648,292453